IMPROVISIEREN
Forschende und künstlerische Perspektiven der Kulturellen Bildung
13. Tagung des Netzwerks Forschung Kulturelle Bildung
14.-16. September 2022, Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Sozialwesen

– CALL FOR PAPERS –

Die Künste lassen sich als "Wahlheimat" des Improvisierens bezeichnen (Bertram/Rüsenberg 2021, S. 7). Doch auch in anderen Lebensbereichen besitzt Improvisation zentrale Bedeutung:

"Es ist charakteristisch für unsere menschliche Existenz, dass wir mit Unsicherheiten umgehen lernen und sie für uns produktiv machen können. Wir können Unsicherheiten sogar dezidiert suchen und tun dies auch oft. Dafür haben wir improvisatorische Fähigkeiten entwickelt" (Bertram/Rüsenberg 2021, S. 12).

Die alltagssprachliche Verwendung des Begriffs der Improvisation suggeriert, dass wir improvisieren, wenn ein detailliert ausgearbeitetes Konzept, aus welchen Gründen auch immer, nicht länger zur Verfügung steht. Die ursprüngliche Wortbedeutung (lat. Improvisus = unvorhergesehen/ it. Improvvisare = unvorbereitet extemporieren, dichten, singen) rückt das Unvorhergesehene, das Unerwartete und Unwägbare in den Fokus. Oft schwingt in missverständlicher Weise mit, dass Improvisieren eine Unbeherrschbarkeit und Abweichung von der Norm sei. Dabei beruht Improvisation auf "Erfahrung, Geistesgegenwart und eintrainiertem Vorgehen" (Bertram/Rüsenberg 2021, S. 17). Nicht zuletzt zeigt sich dies im Feld der Künste, in denen Improvisation etabliert ist: Soli im Jazz, Kontaktimprovisation im Tanz, Impro-Theater, der Umgang mit Zufall und Unwägbarkeit in den bildenden Künsten, im Film, in der Literatur, uvm. Auch in pädagogischen Zusammenhängen wird improvisiert (Gruppenimprovisationen, Instrumentalunterricht, Theatersport, Community Arts-Projekte, Tanz-Workshops…).

Die Corona-Krise, aber auch andere gesellschaftliche Transformationsprozesse, bspw. Digitalisierung, Inklusion, Migration und Flucht, Diversifizierung, Klimawandel, etc. – und die dadurch entstehenden, sich fortlaufend verändernden inhaltlichen und strukturellen Herausforderungen für die Kulturelle Bildung und damit auch für die diesbezügliche Forschung – unterstreichen die Relevanz improvisatorischer Praxis. Technologischer, ökologischer und politischer Wandel bringt auch für die Kulturelle Bildung Unsicherheiten und Gelegenheiten hervor, die Improvisationskompetenz erfordern und ermöglichen – und deren Betrachtung aus unterschiedlichen theoretischen Zugängen vielversprechend erscheint (z.B. Bildungstheorie, Kunst-/Musik-/Tanz-/Theaterpädagogik, postcolonial-/Gender-/Dis*ability Studies, und weitere).

Improvisation geht jedoch nicht nur mit Unvorhersehbarkeit um, sie bringt sie auch hervor. Bormann, Brandtstetter und Matzke verstehen Improvisation dabei keineswegs als eine von "Ordnungsmustern, Regeln und (ästhetischen) Konventionen" (Bormann/Brandstetter/Matzke 2010,
S. 8) unabhängige Praxis, sondern sehen ihre Emergenz zwangsläufig an diese gebunden. 
Das Suchen nach und der gezielte und konstruktive Umgang mit Unerwartetem lässt sich gleichwohl als konstitutives Moment für Bildungsprozesse begreifen. In Bezug auf Bildung ruft beispielsweise Thomann dazu auf, im improvisatorischen Handeln "das Potenzial des Moments zu nutzen und mit allem zu rechnen" (Thomann 2021, S. 62). In dieser Überlagerung der Wahlheimat der Improvisation einerseits und dem Verweis auf Bildung andererseits liegt der Reiz der Auseinandersetzung mit dem Thema der Improvisation für die Kulturelle Bildung. Improvisatorische Praxis in unterschiedlichen künstlerischen Feldern und verschiedensten Bildungszusammenhängen bietet vielfältige Impulse für die Forschung im Kontext Kultureller Bildung.

Die 13. Netzwerktagung greift das Themenfeld Improvisieren in der Kulturellen Bildung auf und möchte eine Ausdifferenzierung und  Weiterentwicklung anregen. Im Rahmen der Tagung wollen wir uns dem Thema des Improvisierens, dem "kontrollierte[n] Kontrollverlust", der "situativen Veränderung von Regeln" und "einem gelingenden Antworten auf etwas, mit dem man nicht gerechnet hat" (Bertram/Rüsenberg 2021, S.19f.) widmen.

Die 13. Netzwerktagung fokussiert folgende Aspekte aus dem Konnex Improvisation und Kulturelle Bildung:

1) Improvisation als künstlerische Praxis (in Bildungskontexten) – unterschiedliche Forschungsperspektiven auf Improvisation

Unterschiedliche Aspekte und Ideen von Improvisation durchziehen sämtliche künstlerische Sparten. Welche Bedeutung hat improvisatorisches Handeln in den jeweiligen Sparten? Wie werden die Ideen und Konzepte von Improvisation in der Praxis deutlich, welche Spiel- und
Bildungsräume entstehen für die Akteur_innen? Gefragt sind hier Beiträge unterschiedlicher Forschungsperspektiven, die sich mit Improvisation als künstlerischer Praxis (in Bildungskontexten) beschäftigen.

2) Improvisieren lernen – Bedingungen für Erwerb und Ausbau improvisatorischer Handlungskompetenz

Was sind "improvisatorische Fähigkeiten", bzw. welche Voraussetzungen fordert das Improvisieren? Lässt sich der Umgang mit dem Unvorhergesehenen und Unwägbaren erlernen oder üben? Welche pädagogischen Settings sind dabei hilfreich und notwendig? Was kann Improvisation für die Kulturelle Bildung bedeuten? Welche Konsequenzen ergeben sich hieraus sowohl für die Lernenden als auch für Personen in lehrender bzw. vermittelnder Position?

3) Improvisation und Forschung

Dieser Punkt zielt einerseits auf Methoden (bzw. deren Weiterentwicklung), improvisatorische Praxis mit dem Anspruch der  Gegenstandsangemessenheit zu beforschen. Wie kann man Unwägbares methodisch (er-)fassen? Andererseits geht es hier um improvisatorische Elemente in der (empirischen) Forschung selbst. Wie lassen sich wissenschaftliche Standards und improvisatorisches Handeln miteinander vereinbaren? Oder sind sie vielleicht gar nicht voneinander zu trennen – und wie kann dann diese Verbindung reflexiv und transparent dargestellt werden?

 

Hinweise für die Einreichung von Tagungsbeiträgen

Die Tagung wird zum Teil vor Ort in Bielefeld, zum Teil online stattfinden und bietet unterschiedliche Formate an, um differenzierte  Auseinandersetzungen, Analysen und Austausch zum Tagungsthema zu ermöglichen. Wir möchten herzlich einladen, Abstracts zu Panelbeiträgen und künstlerischpraktischen und/oder forschungsmethodischen Laboren einzureichen:en:

I. Panelbeiträge (15 min. plus Diskussion)

Die Panels setzen sich aus thematisch passenden Einzelvorträgen zusammen. Die Kriterien für die Auswahl der Abstracts lauten: Passung zum Tagungsthema, theoretische Fundierung und/oder methodisch/methodologische Plausibilität, Relevanz der Erkenntnisse, inhaltliche Stringenz der Argumentation.

Für die Abstracts für Panelbeiträge bitten wir bis zum 19. April 2022 um folgende Angaben:

  • Titel und Abstract des Beitrags (max. 1500 Zeichen inkl. Leerzeichen)
  • Zentrale Fragestellung/Erkenntnis des Beitrags inkl. Literaturbezüge (max. 500 Zeichen inkl. Leerzeichen)
  • Relevanz des Beitrags für das Tagungsthema (max. 1000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
  • Kurz-Vita (max. 500 Zeichen inkl. Leerzeichen).


II. Labore (in Präsenz vor Ort, 90 min.)

Die Labore sind der praktischen gemeinsamen Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten des Tagungsthemas gewidmet. Die Kriterien zur Begutachtung der Abstracts für die Labore lauten: Bezug zum Tagungsthema, Verbindung von Fragestellung und künstlerischer/pädagogischer Methode, inhaltliche Originalität.

Die Labore sind auf 90 Minuten angelegt. Für die Realisierung der Labore ist eine Aufwandsentschädigung vorgesehen. Für die Abstracts für die Laborbeiträge bitten wir bis zum 19. April 2022 um folgende Angaben:

  • Titel und Kurzbeschreibung des Labors (max. 1500 Zeichen inkl. Leerzeichen)
  • Relevanz des Beitrags für die Tagungsthematik (max. 1000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
  • Kurz-Vita (max. 500 Zeichen inkl. Leerzeichen)
  • Angabe der benötigten Räumlichkeiten & ggf. des Materials

Ein Abstract ist nicht die passende Form, um Ihren Laborbeitrag vorzustellen? Wir freuen uns über alternative Einreichungsformate!
Nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

III. Vorschläge für Tagungsbeiträge Dritter

Nicht immer reichen diejenigen, die man gerne hören möchte, direkt einen Beitrag ein. Daher können Sie Personen als Referent_innen vorschlagen, indem Sie uns bis zum 13. März 2022 Name, Grund Ihres Wunsches und ggf. Kontaktdaten zusenden. Das Tagungsteam lädt die Person dann ein, sich zu bewerben. Die Begutachtung erfolgt wie bei allen anderen Einreichungen auch. Über die Annahme der Beiträge entscheidet das Scientific Committee Anfang Juni. Eine Benachrichtigung erfolgt im Anschluss.

Einreichungen bitte an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Kontakt:
Prof. Dr. Juliane Gerland
FH Bielefeld, Musik in kindheitspädagogischen und sozialen Handlungsfeldern
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Literatur:
Bertram, Georg W. & Rüsenberg, Michael (2021): Improvisieren! Lob der Ungewissheit. Ditzingen: Reclam.

Bormann, Hans-Friedrich/ Brandstetter, Gabriele & Matzke, Annemarie (2010): Improvisieren: eine Eröffnung. In: Brandstetter, Gabriele/ Bormann, Hans-Friedrich/Matzke Bormann, Annemarie (Hrsg.): Improvisieren. Paradoxien des Unvorhersehbaren. Kunst – Medien – Praxis (7-20). Bielefeld: transcript.

Geri Thomann (2021): Improvisieren, Planen und Scheitern in der Pädagogik - Denken und Handeln in
Optionen. In: Thomann, Geri/ Honegger, Monique (Hrsg.): Mit allem rechnen. Improvisieren in der
Bildungsarbeit (46-64). Bern: hep Verlag.

Den Call als PDF finden Sie hier.

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