Was tun?
Handlungspraxis und -verantwortung in der Kulturellen Bildung
12. Tagung des Netzwerks Forschung Kulturelle Bildung
16.-17. September 2021, Fliedner Fachhochschule Düsseldorf

Inzwischen gibt die Test- und Impfstrategie Hoffnung, dass man die Tagung in kleinen und geschützten Formaten vor Ort anbieten kann. Wir arbeiten parallel an Formaten, um die Tagungsbeiträge möglichst vielen Interessierten online zugänglich zu machen.

Menschliches Handeln scheint als alltägliches Phänomen selbstverständlich. In Forschung zu Kultureller Bildung, welche sich in spezifischen Handlungen vollzieht, gilt es Selbstverständlichkeiten zu reflektieren. Insofern ist es von fundamentaler Bedeutung, wie in der Kulturellen Bildung Handeln eigentlich verstanden wird. Kulturelle Bildung als "die subjektiven Bildungsprozesse jedes einzelnen wie auch die Strukturen eines Bildungsfeldes mit seinen zahlreichen Angeboten" (Bockhorst/ Reinwand/Zacharias 2012: o.P.) umfasst Praktiken im Zusammenhang mit Bildender Kunst, Musik, Theater, Tanz, Literatur, Medien, Museen, Gameskultur und Zirkus. Es stellt sich dann die Frage nach der Spezifik dieser Praktiken. Mit der programmatischen Formulierung "Was tun?" wird zudem eine individuelle wie kollektive Handlungsverantwortung fokussiert, und kritische, insbesondere diskriminierungskritische und postkoloniale Aspekte, sollen reflektiert werden.

Die 12. Netzwerktagung fragt,
- wie explizite und implizite Handlungsverständnisse in der Kulturellen Bildung thematisiert werden
- wie kulturelle Bildungspraktiken angesichts komplexer Bedingungen entworfen, vollzogen und reflektiert werden
- wie kulturelle Bildungspraktiken erforscht werden.

Handlungspraxis
Das Verständnis von Handlungen und das Selbstverständnis der Handelnden sind ganz unterschiedlich ausgeprägt, was beispielsweise die Intention, Handlungsmacht und die Beziehungen zwischen den Subjekten und ggf. Objekten betrifft. In der Theorie zeichnen sich bestimmte Linien ab. Verbreitet ist das Verständnis des autonomen Subjekts als Autor_in von Handlungen, d. h. als handlungsmächtige_r Akteur_in, und damit die Vorstellung eines kausalen Zusammenhangs von Intentionen und Vollzügen. Auf diesem Verständnis basiert auch die zentrale pädagogische Denktradition seit Kant über Herbart und Brezinka: Pädagogik wäre demnach eine zielgerichtete Einwirkung von Pädagog_innen auf Adressat_innen, und komplementär wäre Lernen oder Bildung eine Reaktion von Adressat_innen auf die Angebote und Forderungen der Pädagog_innen.

Die Kritik daran wurde in den 1960ern besonders laut, als Verständnisse von Erziehung als Interaktion in den Mittelpunkt rückten, beispielsweise bei Klafki und Mollenhauer. Sie forderten einerseits aus politisch-ethischen Gründen eine Gleichwertigkeit im Erziehungsprozess und machten andererseits mit Rückgriff auf den symbolischen Interaktionismus (Mead, Blumer) geltend, dass Handlungen komplex verwobene Interaktionen sind: Aktion und Reaktion sind gar nicht klar zu trennen, weil in unserem Tun Handlungserwartungen an andere bereits vorweggenommen und eingeschrieben sind. Interaktion und Kommunikation sind von da an leitende Konzepte. Gleichzeitig knüpfte die empirische Erziehungswissenschaft wieder an das zweckrationale Verständnis von Handeln an. Schulleistungsstudien wie PISA und TIMSS oder Wirkungsforschung gehen mehr oder weniger ausdrücklich von intentionalen pädagogischen Handlungen aus, die gezielt gesteuert werden können und regelmäßig bestimmte Ergebnisse erzielen. Auch die Debatte um Professionalität und um Qualität baut mindestens implizit auf der Zweck-Mittel-Relation von Handlungen auf.

Phänomenologische Perspektiven (insb. Fischer-Lichte, Meyer-Drawe) dagegen verstanden pädagogisches Handeln als Antwortgeschehen und erlangen mit dieser Sichtweise aktuell wieder Aufmerksamkeit (Brinkmann et al. 2017): Demnach erfordert allein das 'Dasein' des Anderen (z.B. des Kindes) eine Antwort, eine Handlung. Nicht eine subjektiv gegebene Intentionalität prägt also das Handeln, sondern Intentionalität im Sinne eines Effektes von unmittelbarer Intersubjektivität.
In den letzten Jahrzehnten gewannen soziologische Handlungstheorien interdisziplinär an Bedeutung. Sie nehmen die überindividuelle Perspektive ein und fragen nach Rahmungen und gesellschaftlichen Bedingungen des Handelns. Die Postmoderne bringt die Einsicht in die grundlegende Kontingenz menschlichen Handelns (Rorty). Fragen nach Macht, nach habitualisierten Handlungen, nach Sprache und Diskurs (Bourdieu, Foucault), nach Differenz (Derrida, Lacan) sowie nach strukturellen Ungleichheiten, Rassismus und epistemischer Gewalt (Spivak, Said) machen auf die Bedingtheit individuellen wie kollektiven Handelns aufmerksam.

Handlungsverantwortung
Kulturelle Bildungspraktiken sind eingespannt (Wigger und Zulaica y Mugica 2019; Quante 2020) zwischen Entwurf und Ereignis, zwischen Individuum und Gruppe, zwischen Freiheit und Zwang, zwischen individueller Intention und struktureller Bedingtheit, zwischen Tat und Bezeichnung. Damit kommt auch die ethische Dimension des Handelns ins Spiel: Indem Menschen handeln, treffen sie Entscheidungen für oder gegen bestimmte Intentionen, nehmen eine Rolle ein, formulieren Erwartungen, repräsentieren, priorisieren, letztlich: positionieren sich. Die Möglichkeit zu handeln ist mit Handlungsverantwortung verbunden.

Aufgeworfen wird die Frage nach Handlungsverantwortung in der Kulturellen Bildung zum Beispiel im Kontext von Teilhabe (z. B. Mörsch 2015; Bücken/Meiers/Gerards 2019) und in Konzepten wie agency oder empowerment (Amadeo-Antonio-Stiftung 2016, Özyurt-Güneş 2019), oder auch im Kontext von Nachhaltigkeit (Kubi-online 2021). Wechselwirkungen von Rahmenbedingungen und Handeln werden beispielsweise im Zusammenhang von Qualität, Gouvernementalität und Macht fokussiert (Unterberg 2018; Hofmann 2020). Forschungen mit postkolonialer und rassismuskritischer Perspektive (Mecheril 2015/2013, Bücken 2019, Castro Varela/Haghighat 2021), aber auch einige mit Perspektive auf Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen (Kolleck und Büdel 2020), analysieren Handeln innerhalb von Strukturen und Netzwerken sowie im Zusammenhang mit Differenz, Identität/Identifikation, Zugehörigkeit und sozialem Wandel.

Handeln in der Forschung zur Kulturellen Bildung
In der Forschung zur Kulturellen Bildung sind kulturelle Bildungspraktiken bisher ein eher mitgängiges Thema. Sie ist konfrontiert mit einer großen Heterogenität sowohl des Handlungsfeldes (das formale, non-formale und informelle Bildung und verschiedene Kunstsparten, Institutionen und Akteur_innen umfasst) als auch der Bildungspraktiken und ihrer Verständnisse (Reinwand-Weiss 2018). Selten wird das Handlungsverständnis ausdrücklich problematisiert (z. B. bei Ludwig 2014; Hofmann 2015; Sons 2017). In der Wirkungsforschung wird Handeln tendenziell in einem zweckrationalen Verständnis verwendet – allerdings werden kaum dessen Implikationen reflektiert, gerade was ethische Aspekte betrifft.

Tagungsband:
Ausgewählte Beiträge werden in einem Tagungsband sowie auf der Wissensplattform KULTURELLE BILDUNG ONLINE publiziert.

Scientific Committee:
Ulaş Aktaş, Carolin Ehring, Nadine Madeira Firmino, Kiwi Menrath, Claudia Roßkopf, Nicole Elisabeth Schillinger, Eric Sons, Nina Stark, Thomas Wilke

Fachtag:
In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Frühkindliche Kulturelle Bildung stellen wir im Vorfeld der Tagung die Frage "Was tun?" in Hinblick auf die Praxis in Bildungs-und Kultureinrichtungen. 15. - 16. September 2021. Weitere Informationen finden Sie auf www.netzwerk-fkb.de

Tagungshomepage: www.fliedner-fachhochschule.de/wastun

Instagram, LinkedIn: #WasTunKuBi

Die Tagung wird gefördert durch die Robert Bosch Stiftung.

Kontakt:
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Fabian Hofmann
Nina Stark
Tel. +49 211 409-3294
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Den Call als PDF finden Sie hier.

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