Forschungskolloquium Vol. 11
„Am Ende des Tages hinter dem Vorhang“

Zum 11. Mal fand vom 04. bis 06. September 2017 das Forschungskolloquium des Netzwerks Forschung Kulturelle Bildung statt, wie schon so häufig in der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel. Für viele von uns bereits ein heimischer Ort, ein Ort der Zusammenkunft, der Inspiration, des kritischen Denkens und der Ruhe. Dieses Treffen hatte seinen ganz besonderen Charme, denn es war außergewöhnlich klein. Wir waren acht Doktorand_innen und wurden wissenschaftlich von Prof. Dr. Fabian Hofmann und Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss begleitet. In den sechs Slots hatten wir ausreichend Zeit, uns den jeweiligen Themen der Teilnehmenden intensiv zu widmen.

Die Schwerpunkte in den Vorstellungen waren wie immer vielfältig: Silke Ballath thematisierte ihre Auseinandersetzung mit Lefebvre und wie häufig im Kolloquium ergab sich hierbei ein Austausch zur Verortung der Arbeit, die der inhaltlichen Fokussierung dient und uns davor bewahrt, statt einer Dissertation gleich drei zu schreiben. Zwei neue Teilnehmerinnen, Eliana Schüler und Anne Hartmann stellten ihre, in einem Forschungsverbundprojekt eingebundenen, Projektvorhaben vor. Ihnen bot das Kolloquium die Möglichkeit, erste Ideen und Ansätze zur Diskussion zu stellen, um die eigene Fragestellung zu finden und zu schärfen. In anderen Beiträgen wurde das Kolloquium zum Arbeitskreis, der es ermöglicht, gemeinsam über Materialien nachzudenken. So lasen wir einen Text zur Leseförderung von Jungen, um ihn mit Teresa Streiss´ Kategorien zu durchleuchten und zu untersuchen. Im Beitrag von Malte Pfeiffer nahmen wir eine Theaterszene, die im Rahmen seines Forschungsprojektes von Schüler_innen nach einer Exkursion zu einem Bio-Bauernhof entwickelt wurde, mithilfe seines Kategoriensystems und eigener offener Codes auf ästhetische Praktiken hin in den Blick. In meinem Beitrag wurden kurze Statements von Teilnehmenden verschiedener Psychiatrieerfahrenen-Theater mithilfe eines inhaltsanalytischen Kategoriensystems kategorisiert. Diskutiert wurde hierbei kein Richtig oder Falsch, es ging also weniger um das Überprüfen von Kategorien, als vielmehr um methodische Herangehensweisen und Blickwinkel, sowie deren Sinnhaftigkeit im Kontext der Forschungsfrage.

Die Themen der entstehenden Forschungsarbeiten betreffen die künstlerischen Sparten Literatur, Theater(-pädagogik), Bildende Kunst – häufig auch Musik und Museumspädagogik sowie Kulturelle Bildung an Schulen. Die methodischen Zugänge sind dabei divers: Neben der Grounded Theory sind beispielsweise die Inhaltsanalyse und Diskursanalyse vertreten. Die Materialien umfassen narrativ-fokussierte Interviews, Leitfadeninterviews und Gruppendiskussionen, aber auch Videoanalysen, teilnehmenden Beobachtungen, Dokumente und Berichte bis hin zu Rahmenlehrplänen und Curricula. Und genau das macht den besonders produktiven Kontext des Kolloquiums aus: Hier findet eine Vernetzung statt, eine Verschränkung von Ideen und Wissen, das immer wieder auch zusammenführt und verbindet.

Die Teilnahme am Kolloquium hat mir wieder einmal gezeigt, dass sich hier ein Raum öffnet, in dem mit- und nachgedacht wird, in dem wir unsere Fragestellungen, Theorien und Methoden überprüfen und weiterentwickeln können. Hier können wir Datenmaterial gemeinsam bearbeiten, die eigene Perspektive erweitern und überdenken, unsere Gedanken schärfen. Der Ansatz des ‚critical friend‘ funktioniert. Es wird geprüft, weiterentwickelt, fokussiert, aber immer mit gegenseitigem Respekt und dem Wunsch, sich weiterzuhelfen. Mir persönlich hilft das Kolloquium sehr, denn meine Wurzeln liegen in der quantitativen Psychologie. Auch wenn ich nun schon seit einiger Zeit Teil des Kolloquiums bin, ist vieles für mich immer wieder neu. Ich stolpere über Theorien, die ich nicht kenne, über Gedankengänge, die ich nachvollziehen muss, versuche meine Arbeit im Feld der Kulturellen Bildung einzuordnen, gleichzeitig aber auch mit meiner Forschungstradition zu verknüpfen. Kurz gesagt: Ich lerne jedes Mal dazu und nehme ein kleines Arbeitspaket mit an meinen Schreibtisch, ein Bündel von Gedanken und Ideen, die jetzt integriert werden müssen und mich auf dem Wege zur fertigen Dissertation wieder einen Schritt weiterbringen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Epilog:

Nicht zuletzt muss an dieser Stelle gesagt werden, dass sich am Ende des Tages hinter dem Vorhang keine böse Doktormutter, keine Ratte und auch kein Poltergeist versteckt. Nein, es ist einfach nur Walter, der manchmal durch wogende Weizenfelder spaziert, Poststrukturalismus rückwärts buchstabiert und jeden Tag genießt. Denn auch zum Quatschen, Ausklingenlassen, Spielen und Lachen ist auf dem Doktorandenkolloquium Zeit. Da kann auch schon einmal ein kleiner, erfreulicher Insider entstehen, der uns mit einem Grinsen zurückdenken und vorfreuen lässt. Bis bald!

Anne Roosen-Runge